Das Londoner Abkommen 1953

Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs erließen der Bundesrepublik 1953 beim Londoner Schuldenabkommen einen Großteil ihrer ursprünglichen Forderungen. Es wurden Ratenzahlungen vereinbart, die auf Jahrzehnte gestreckt wurden.

Die Bundesrepublik stand seinerzeit vor einem riesigen Berg Auslandsschulden. Milliarden von Vorkriegschulden und möglicherweise ein Strudel von Reparationen nach dem verlorenen Weltkrieg. Dies änderte sich allerdings mit dem Beginn des Kalten Krieges. Als Frontstaat zwischen Ost und West spielte die Bundesrepublik nun wirtschafts- und verteidigungspolitisch eine zentrale Rolle. Die BRD sollte schleunigst in die westliche Welt integriert werden, so lautete ein vordringliches strategisches Ziel der USA.

Das setzte auch die Wiederherstellung geordneter Wirtschafts- und Finanzbeziehungen voraus. Ohne einen Abbau der deutschen Auslandsschulden ging das nicht und so wurde die Regelung der Schuldenfrage für die USA zu einer hochpolitischen Angelegenheit. Sie allein hatten den Schlüssel zur Entschuldung in der Hand. Die USA waren in fast allen Schuldenkategorien der mit Abstand größte Gläubiger.
Dies galt sowohl für den Bereich der privaten Vorkriegsschulden als auch für die rein staatlichen Nachkriegsschulden. Bei Letzteren handelte es sich um Verbindlichkeiten, die der Lieferung von Hilfsgütern durch Amerikaner und Briten entstanden waren. Ihre Rückzahlung war auf Druck der klammen Briten absolute Priorität gegenüber den Vorkriegsschulden eingeräumt worden. Es ging für damalige Verhältnisse um gewaltige Summen: Die Deutschland Nachkriegsschulden gegenüber den USA beliefen sich auf 3,2 Milliarden Dollar, die gegenüber den Briten auf immerhin 202 Millionen Pfund. Nach langem Beharren akzeptierte die US- Regierung einen Verzicht auf rund zwei Drittel ihrer Nachkriegsforderungen, die Briten auf ein Viertel.

Nun war der Weg frei, um auch über die deutschen Vorkriegsschulden zu verhandeln. Das geschah oim rahmen einer großen Konferenz zwischen Vertreten der deutschen Schuldner und der internationalen Gläubiger in den Jahren 1952/53 in London. Die noch unter Besatzungsrecht stehende Bundesrepublik war erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in die Vorbereitungen dieser Schuldenkonferenz einbezogen worden.

Bundeskanzler Konrad Adenauer ernannte den international erfahrenen Bankier Hermann J. Abs zum Leiter der deutschen Delegation. Dessen Linie lautete: Die BRD solle die Sache mit ihren Schulden sehr schnell regeln, damit Deutschland wieder kreditfähig würde. Das erste deutsche Angebot sah eine jährliche Zahlung von 500 Millionen D- Mark für Zins und Tilgung sämtlicher Schulden vor. Das wurde mit den deutschen Gebietsverzicht im Osten und mit der allgemeinen Verarmung durch den Krieg begründet. Alle rückständigen Zinsen sollten ersatzlos gestrichen und die laufenden Zinsen erheblich reduziert werden. Die Gläubiger waren fassungslos. Die Verhandlungen drohten zu scheitern.

Doch Abs ließ nicht locker. Für den Pragmatiker war die absolute Höhe der Schulden weniger entscheidend als die aktuelle Belastung durch den laufenden Schuldendienst. Es gelang ihm in relativ kurzer Zeit, mit den wichtigen Gläubigern der großen Reichsanleihen zu einer Lösung zu kommen. Die laufenden Zinsen wurden moderat gesenkt. Bei den Industrieanleihen verzichteten die Gläubiger auf ein Drittel der rückständigen Zinsen. Die Laufzeiten wurden auf höchstens 25 Jahre begrenzt. Die Tilgung setzt nach fünf Jahren ein. Die deutschen Belastungen beliefen sich nun auf 750 Millionen Mark pro Jahr. Dies war eine deutliche Mehrbelastung für den Bundeshaushalt, die neben anderen großen Belastungen (Wiedergutmachungszahlungen) stand.

Damals war die deutsche Presse äußerst kritisch gegenüber dem Abtragen von Schulden. Die FAZ sprach von einem Sieg der Auslandsgläubiger, andere Zeitungen bemühten Vergleiche mit Versailles.

Nicht nur in Deutschland auch in den USA gestaltete sich die Mehrheitsfindung für das Vertragswerk als schwierig. Senator ilette aus Iowa hielt es für nicht hinnehmbar, dass die USA zulasten des Steuerzahlers auf die Rückzahlung von zwei Milliarden Dollar verzichten. Die Bedienung der Vorkriegsschulden komme nur den Banken und institutionellen Anlegern – also den Spekulanten zugute. Das sei völlig untragbar.

Mit einiger Mühe gelang es doch, im Kongress eine knappe Mehrheit zu finden. Den Ausschlag gab letztlich das Argument, dass der wirtschaftliche Wiederaufbau der Bundesrepublik ein strategisches Ziel im Kampf gegen den Kommunismus sei. Sollte die Regelung der privaten Vorkriegsschulden scheitern, wäre die BRD nicht kreditfähig und hätte keinen Zugang zu den internationalen Finanzmärkten. Die dann nötige finanzielle Hilfe durch die USA würde dem amerikanischen Steuerzahler weitaus teuerer zu stehen kommen.

So ähnlich ist es heute auch im Fall Griechenlands. Auch hier geht es um eine Wiedergewinnung des Zugangs zu den Kapitalmärkten. In London verzichteten damals die staatlichen Gläubiger auf teilweise mehr als 60 Prozent der Schuldensumme, das Kapital privater gläubiger blieb aber quasi völlig unangetastet. Lediglich die Zinslast wurde reduziert und gesenkt. Auch der Bankier Hermann J. Abs bekam seinerzeit zu hören, man belaste den Steuerzahler und helfe den Spekulanten. Er führte dagegen an, dass es im Finanzwesen um langfristiges Vertrauen gehe: Der Gläubiger von heute sei der Anleger von morgen.

Es hat sich nicht geändert.

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